Mit Klebestift und Pappe gegen Zalando und Amazon


Um in der Welt von morgen zu bestehen, müssen unsere Kinder zu wahren Kompetenzzentren heranreifen. Es beginnt im Kindergarten mit Sozialkompetenz, in der Schule kommen Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen dazu. So weit, so traditionell. Doch die digitale Welt verlangt schon jetzt nach neuen Fähigkeiten: Medienkompetenz für die virtuellen Weiten, Datenkompetenz, um die Privatsphäre so weit wie möglich zu schützen, Pornokompetenz im Zusammenhang mit der Flut freizugänglicher Pornografie. So der Stand 2014. Und ich denke, schon bald wird digitale Konsumkompetenz auf der Top Ten der wichtigsten Qualifikationen vorrücken.

Wenn Maria in wenigen Jahren anfängt, ihr virtuelles Ich zu formen, wird sie an jeder Ecke noch mehr maßgeschneiderte Werbung anspringen, wollen plötzlich Bedürfnisse befriedigt werden, von denen nicht einmal sie etwas ahnte.
Google-Manager Eric Schmidt sagte schon vor vier Jahren: „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder weniger, worüber du nachdenkst.“ Google dürfte hart daran arbeiten, dass „mehr oder weniger“ zu eleminieren. Und das Gleiche lässt sich sicher auch über Facebook, Apple & Co sagen.

Während mein Mann und ich Bücher immer noch im Laden bestellen und versuchen, so wenig wie möglich Online einzukaufen, wird Maria einem gigantischen Druck ausgesetzt sein, im Netz zu shoppen: Sei es durch Empfehlungen von Freunden in sozialen Netzwerken, Online-Spiele, auf ihre Person zugeschnittene Werbebanner auf jeder Webseite, hippe Gewinn-Aktionen, zielgruppenaffine Guerilla-Werbung oder künstliche Verknappung in der realen Welt. Beispielsweise hat Adidas gerade einen Hype um den neu aufgelegten alten Turnschuh „Stan Smiths“ auch dadurch ausgelöst, dass die Treter nur in bestimmten Läden verkauft werden.

Welches Rüstzeug kann ich meiner Tochter gegen diesen Konsum-Terror mitgeben? Klar, wir haben schon früh angefangen, ihr zu erklären, dass das Glücksversprechen der Werbung gefährlich sein kann. Auch haben wir es halbwegs geschafft, die drei Worte „Brauch ich nicht“ in ihren Grundwortschatz einzubauen. Aber das allein wird wohl nicht reichen, der omnipräsenten Verlockung gelassen entgegenzutreten. Im Moment versuche ich gerade, sie dazu zu bringen, ihr Kosumverhalten zu „analysieren“. Wenn sie sich zum Beispiel etwas Kleines im Laden aussuchen darf, lasse ich mir erzählen, zwischen welchen Dingen sie hin und her überlegt hat und warum sie sich am Ende für das Eine entschieden hat. Wir ermutigen sie auch ihr Taschengeld zusammenzuhalten, was die Kuscheltierdichte im Kinderzimmer in die Höhe treiben wird – weil sie darauf am liebsten spart.

Dazu fördern wir alles Selbstgebastelte. Sagen ihr, dass wir ihr Mensch-Ärger-Dich-nicht-Spiel mit dem Papierwürfel schöner und wertvoller finden als das im Geschäft. Oder basteln mit ihr zusammen aus Klopapierrollen Puppen, die Zalando oder Amazon nicht bieten können. Mit Klebestift und Pappe gegen Internetversandriesen - ob das klappt?