Ran ans digitale Buffet


„Meine Mutter und ich streiten oft über den Platz des Internets in unser beider Leben....Das Internet hat uns einander fremder werden lassen.“ Diese Sätze aus dem Artikel „Offliner“ im aktuellen "Spiegel" gehen mir seit Tagen durch den Kopf. Die 27-jährige Ann-Kathrin Nezik beschreibt darin  sehr anschaulich, wie die digitale Welle sie von ihrer 54-jährigen Mutter  forttreibt. „Die Schnittmenge unserer Leben ist geschrumpft, und das liegt auch am Internet.“

Wie kann ich verhindern, dass meine Tochter Maria in ein paar Jahren das gleiche von uns sagt? Schon jetzt beobachte ich im Freundeskreis, wie Eltern und Kinder digital entfremdet werden. Da sind Zehnjährige, die stundenlang in der „Minecraft“-Welt werkeln, ohne dass ihnen ein Erziehungsberechtigter den Hammer reichen könnte. Zwölfjährige mit Liebeskummer, obwohl sich nie die Lippen berührt haben – nur die Instagram-Profile.

 Die komplette Infografik finden Sie auf www.kindskopp.com

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Auf der Seite „Kindskopp – Portal rund ums Kind“ bin ich auf eine Grafik gestoßen, die zeigt, dass sich schon über 60 Prozent der 6- bis 13-Jährigen für Computer und Internet interessieren, aber nur bei 2 Prozent (!) der Familien Computerspiele zu den gemeinsamen Freizeitaktivitäten gehören. Wenn ich erzähle, dass meine Sechsjährige und ich auch zusammen „Fruit Ninja“ oder „Angry Birds“ spielen, werde ich von anderen Eltern oft angeguckt, als hätte ich gesagt: „Wir trinken gemeinsam Wodka und fahren dann ohne Helm mit dem Rad.“

Diese Blicke haben häufig mit Ängsten und Überforderung zu tun. Der Angst, dem Nachwuchs die vermeintliche Wie-Früher-Kindheit zu verkürzen. Und obwohl die meisten Eltern Smartphone & Co dosiert zu sich nehmen können, sehen sie bei ihren Kindern vor allem die Gefahr, sie mit Virtuellem „anzufixen.“ Dazu kommt die Ohnmacht der eigenen digitalen Unzulänglichkeit. Für viele Eltern meiner Generation sind Twitter & Co eben keine Selbstverständlichkeit. Eine alte Redensart sagt: Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Und dem Nachwuchs will er es auch nicht aufs Brot schmieren. Ich kann das zum Teil sogar nachvollziehen. Aber ich glaube unsere Elterpflicht ist es, uns durch das digitale Angebot zu futtern und dann mit dem Nachwuchs an der Hand zum virtuellen Buffett zurückzukehren. Denn am Anfang sind wir – trotz Halbwissen – digitale Autoritäten. Das zeigen auch die neuesten Umfrage vom Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet. Auf die Frage „Worauf vertraust du, wenn du nicht sicher bist, ob bestimmte Internet-Angebote sicher sind?“ antworteten bei den 9- bis 13-Jährigen 69 Prozent mit „Rat des Vaters“ und 67 Prozent mit „Rat der Mutter“. Doch schon in der folgenden Altersgruppe der 14- bis 17-Jährigen vertrauen nur noch 39 Prozent auf Papas und 35 Prozent auf Mamas Ratschläge. Lieber werden Antiviren-Programme (53%) und Freunde (47%) zu Rate gezogen.

Bei den 18- bis 24-Jährigen dürfen sich Mutti und Vati glücklich schätzen, wenn sie überhaupt noch was gefragt werden. Das soll bei Maria und mir nicht so werden. Ich will mit offenen Augen aber auch mit viel Neugierde durch die virtuelle Welt gehen. Zuerst ein paar Schritte vor meinem Kind und dann irgendwann neben ihm. Und vielleicht ist es am Ende Maria, die mich am digitalen Buffet an die Hand nimmt - aber die Verbindung reißt nicht ab.