Mit Worten gesteinigt

Foto: Sacha Hartgers/scienceimageproject

Ich habe Angst vor dem Internet! Davor, dass es mein Kind zerstören kann. Dass ein Fehler meine Tochter an den virtuellen Pranger bringt. Das kann schnell gehen, ist unkontrollierbar. 

Die amerikanische PR-Beraterin Justine Sacco twitterte einen rassistischen Spruch, Amanda Todd zeigte sich freizügig vor einem Chatpartner, der Screenshots von diesem Moment

im Internet hochlud. Beide haben einen Fehler gemacht. Aber der wurde in der digitalen Welt unzählige Male hämisch gespiegelt und die Spiegelung warf einen vernichtenden Strahl aus Hass und Demütigungen zurück in das reale Leben der beiden. Justine Sacco verlor ihre Existenz, Amanda Todd ihr Leben. Die 15-Jährige brachte sich um. 

Dafür, dass es soweit nicht kommt, kämpft eine 41-Jährige. Sie mahnt eine Debatte über die Verantwortung der digitalen Meinungsfreiheit an. Im Internet sei ein Markt entstanden, auf dem mit  öffentlicher Demütigung als Ware gehandelt wird, Scham Klick- und Geldbringer sind. „Online haben wir ein Mitgefühl-Defizit und eine Krise der Empathie“, sagte die Frau im März in Vancouver bei einer TED-Konferenz. Die Frau wurde 1998 „Patient Zero“ des Cybermobbings. Weltweit haben Millionen Menschen eine abschätzige Meinung über sie, ohne sie zu kennen. Bis heute ist ihr Gesicht auf jedem Kontinent der Welt bekannt und sie läuft Gefahr, als Schlampe tituliert zu werden. Ihr Fehler war, dass sie sich als 22-jährige in den falschen Mann verliebte. Den Präsidenten von Amerika. Von einem Moment zum anderen wurde sie von einer verliebten Privatperson zu einer öffentlichen Hassfigur.

Die Affäre wäre immer eine Nachricht gewesen, aber bevor es das Internet gab, hätte Monica Lewinsky darauf hoffen können, dass sich eines Tages der Mantel des Vergessens über die Nachricht legen würde, wären die Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen nicht tausendfach und ungefiltert in ihrem Briefkasten gelandet. Sie wurde virtuell mit Worten gesteinigt. Nicht vom Internet! Von Menschen!

Es gab eine Zeit, da ließ sie ihre Mutter nicht alleine schlafen und nur bei offener Badtür duschen, aus Angst, dass sie sich das Leben nehmen würde. Monica Lewinsky hat überlebt. Warum? „Es war das Mitgefühl und Einfühlungsvermögen meiner Familie, von Freunden, von Profis und manchmal sogar von Fremden.“

Sie hat sich ihre weltweite Bekanntheit nicht herbeigesehnt, trotzdem wird sie Monica Lewinsky ein Leben lang begleiten. Jetzt nimmt sie diese Berühmtheit und macht sich zur Botschafterin. Sie will Opfern von Cybermobbing zeigen: „Du kannst überleben“. Und sie kämpft für eine verantwortungsvolle Form der digitalen Meinungsfreiheit. „Mit jedem Klick treffen wir eine Wahl. Je mehr wir uns an öffentlicher Bloßstellung laben, desto mehr werden wir Verhalten wie Cyber-Mobbing, Trolling, einige Formen von Hacking und Online-Stalking befördern.“ Wenn solche Nachrichten nicht mehr geklickt würden, könnten sie eines Tages verschwinden.

Bis es soweit ist, empfiehlt sie anteilnehmenden Widerstand. „Die Empathie einer einzigen Person kann den Unterschied machen.“ Bei Shitstorms sollte sich niemand in die Rolle des Beobachters flüchten. „Statt zuzuschauen können wir einen positiven Kommentar für jemanden veröffentlichen oder von einer Mobbing-Situation berichten“, sagte Monica Lewinsky bei ihrem Vortrag. Und: „Vertrauen Sie mir, mitfühlende Kommentare helfen das Negative zu verringern.“

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass diese „Kulturrevolution“ beginnt. Videos des Mitgefühls werden  viral. Jugendliche, Obdachlose oder Ausländer, die Shitstorms gegen sich vorlesen, berühren die Herzen der Internetgesellschaft. Anti-Mobbing-Statments, wie das des 19-jährigen Benjamin aus Ostfriesland, sammeln Hundertausende Likes. Journalisten, die wegen ihrer türkisch klingenden Namen von virtuellen Hass-Wellen überrollt werden, spülen diesen verbalen Müll als Guerilla-Poesie zurück in die Gesellschaft. Mit ihrer antirassistischen Leseshow „Hate Poetry“ bringen sie Menschen zu Lachen – und zum Nachdenken.

Niemand kann sein Kind davor beschützen, in den Strudel des Hasses zu geraten. Aber wir können unsere Kinder davor beschützen, vorschnell zu urteilen. Vielleicht ist es die größte Errungenschaft der Meinungsfreiheit, Zeit zur Meinungsbildung zu haben, sich für einen Moment wirklich in den Gegenüber hineinzuversetzen. Monica Lewinsky schloss ihren Vortrag mit den Worten: „Wir alle verdienen Mitgefühl online wie offline.“

Monica Lewinsky wandte sich mit einem mutigen Auftritt an die Öffentlichkeit:

Kinder lesen gemeine Tweets über sich, die sie geschickt bekamen. (Vorbild sind die "Mean Tweets" in der Show des US-Comedian Jimmy Kimmel, wo Prominente unter eingeblendetem Gelächter fiese Nachrichten an sich vorlesen)

Sehenswerter 3sat-Beitrag über "Hate Poetry":

Obdachlose lesen vor, was Fremde über sie denken. Und sind geschockt: